
INTERVIEW
Von Tom Schilling (Björn Diemel)
Tom, mit Fortsetzungen und Serien hast Du bislang eher wenig Erfahrung. Nun für die zweite Staffel von „Achtsam Morden“ abermals in die Dir bereits bekannte Rolle des Björn Diemel zu schlüpfen, war also sicherlich eine ungewöhnliche Erfahrung, oder?
Erst einmal ist das natürlich ein bisschen einfacher. Denn man kennt die Figur bereits und hat ganz viel von der Rollenarbeit schon erledigt. Aber auf der anderen Seite macht das die Sache eben auch umso schwerer. Denn man möchte weder sich selbst noch das Publikum langweilen und sich wiederholen. Deswegen muss man sich bei einer zweiten Staffel meiner Meinung nach eigentlich noch deutlich mehr ins Zeug legen.
Wie hat sich Björn denn seit der ersten Staffel verändert?
Leider nicht so sehr. Im Gegenteil. Er ist trotz der besten Vorsätze in alte Verhaltensweisen gerutscht. Deshalb sucht er wieder die Hilfe seines Therapeuten, der ihm klarmacht, dass der Kern seiner Probleme in der Kindheit liegt. Durch diesen Blick nach innen wird er aber auch nahbarer, finde ich.
Die Figur wurde gerne mal als Antiheld bezeichnet. Eine passende Beschreibung?
In meiner Wahrnehmung auf jeden Fall. Im Grunde sind alle Figuren, die ich in der Literatur und in Filmen liebe und die ich auch besonders gerne spiele, Antihelden. Sie müssen den Weg der Selbstfindung gehen, mindestens eine Erkenntnis haben. Ich finde, dass es nichts Langweiligeres gibt, als einen klassischen Helden ohne Widersprüche.
War es also die Entwicklung der Figur, die Dich von Beginn an an den Drehbüchern zu „Achtsam Morden“ gereizt hat?
Zunächst einmal war es die Romanvorlage und die Figur dort, die mich gereizt haben. Der erste Roman war super kompromisslos und grenzüberschreitend. Karsten Dusse hat sich da – so mein Gefühl – viel von der Seele geschrieben, frei von der Leber, ohne irgendeine Zensur- Schere im Kopf und ohne Rücksicht auf Verluste. Er hat einfach das gemacht, was er für richtig hält und der Erfolg gab ihm Recht. Björn Diemel ist eine Figur, die alles aus dem Weg räumt, was ihm nicht gut tut. Und das tut er mit Raffinesse, Charme und Eloquenz. Dem kann man sich nur schwer entziehen.
Die Serie als Ganzes ist auch deswegen besonders, weil sie nicht ohne weiteres einem Genre zuzuordnen ist, sondern Komödie, Thriller und Charakterstudie in einem ist.
Das sehe ich genauso. Ein reiner Krimi-Plot wäre nichts, was mich hinterm Ofen vorlockt. Eine „character-driven“ Erzählung wie diese ist viel spannender. Wirklich in die Psychologie und die Abgründe, aber eben auch in den Humor einer Figur einzutauchen – das ist es, was mich interessiert. All diese Genre-Elemente auszubalancieren, auf eine Weise, die sich nicht unentschieden anfühlt, sondern für jeden etwas zu bieten hat, macht eine vielseitige Serie aus.
Neu im Cast ist dieses Mal unter anderem Friederike Kempter, was nicht nur Fans Eures gemeinsamen Films „Oh Boy“ freuen dürfte. Ändert sich etwas an der Qualität der Arbeit, wenn man sich so gut kennt wie Ihr beide?
Die Arbeit kann ganz fantastisch funktionieren, auch ohne, dass man sich sonderlich gut kennt. Im Idealfall begegne ich am Set Menschen – ob nun Schauspielern, Regisseuren, Szenenbildnern oder sonst wem im Team – die mich künstlerisch begeistern, die meine Ideen teilen oder noch bessere haben. Menschen, die ich für ihre Wahrhaftigkeit, ihren Humor und ihren Ideenreichtum bewundere. Das trifft auf Friedrike auf jeden Fall zu. Sie ist eine kluge Schauspielerin, die sehr feinfühlig ist, ein super Bauchgefühl hat und am Set tolle Entscheidungen trifft. Daran liegt es, dass die Zusammenarbeit mit ihr so großartig ist, nicht daran, dass wir befreundet sind. Einen solchen Flow kann man auch mit jemandem haben, dem man am Set das erste Mal begegnet. Wenn es klickt, macht das die Arbeit tatsächlich sehr einfach und dankbar.
Darüber hinaus hattest Du dieses Mal auch einen neuen jungen Kollegen: Franz Schmidt, der Björns inneres Kind spielt. Ist die Arbeit mit Kindern eine besondere Herausforderung?
Man hört ja manchmal unter Schauspielern den Spruch, dass man nicht mit Kindern und Tieren drehen sollte, weil die einem die Show stehlen. Aber so verstehe ich die Zusammenarbeit nicht. Es gibt keine Kollegen, die einem die Show stehlen. Wenn man ein gutes Gegenüber hat, dann wird man auch selbst und damit jede Szene besser. Das ist für mich immer ein Ping-Pong: Je besser die anderen sind, desto besser ist es letztlich auch für mich. Mit Tieren zu drehen, mag ich übrigens sehr. Und mit Kindern durchaus auch. Das ist nur teilweise schwierig, wenn die Kinder keine Lust haben, man aber bestimmte Momente erzeugen will. Da muss man dann als Schauspieler in der Interaktion mit dem Kind eigentlich zwei Rollen parallel spielen. Einmal die äußerliche, also die Figur, in diesem Fall Björn Diemel. Aber gleichzeitig hat man eben auch eine Agenda und muss jemand sein, dem das Gelingen einer Szene am Herzen liegt und der versucht, alles aus der Situation herauszukitzeln. In jedem Fall bin ich ein Schauspieler, der viel aus seinem Gegenüber zieht. Schauspiel ist für mich eine Interaktion – und nicht zuletzt ein Zuhören. Meine Arbeit ist es, auf mein Gegenüber zu reagieren, deswegen freue ich mich natürlich immer über Kolleginnen und Kollegen, die mich überraschen und inspirieren.
Über Martina und Monika Plura müssen wir natürlich auch noch sprechen, schließlich tragen die beiden ganz entscheidend zum Gelingen von „Achtsam Morden“ bei. Was zeichnet die Arbeit der beiden in Deinen Augen aus?
Die beiden sind natürlich unglaublich vertraut miteinander und haben eine ganz spezielle, andere Energie. Das finde ich toll. Sie sind super begeisterungsfähig und gehen immer mit großer Positivität in einen Drehtag. Martina bringt mich zum Lachen, wir teilen den gleichen Humor. Außerdem vertrauen wir uns gegenseitig. Manchmal könnte man ja glauben, dass wir Schauspieler ohne Anweisungen nicht in der Lage sind zu spielen. Aber für mich ist es vor allem der psychologische Aspekt, der die Arbeit zwischen Schauspieler und Regie ausmacht.