
INTERVIEW
Von Martina Plura (Regie) & Monika Plura (Kamera)
Martina, Du hast auch bei der zweiten Staffel von „Achtsam Morden“ wieder alle Episoden inszeniert, während Du, Monika, erneut für die Kamera verantwortlich gezeichnet hast. Fühlte sich die Arbeit also exakt so an wie beim ersten Mal?
Martina: Nein, denn jedes Drehbuch stellt dich vor neue Herausforderungen. Mussten wir uns bei Staffel 1 z.B überlegen, wie wir Dragan durch den Häcksler schicken, Möller überfahren oder Toni in die Luft sprengen, gab es dieses Mal ganz andere Szenen, die uns forderten. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber der Zuschauer darf sich auch in Staffel 2 auf die ein oder andere Überraschung freuen
Monika: Ebenfalls anders bei Staffel 2 war, dass wir nicht nur in Berlin, sondern auch in Österreich gedreht haben. Das war schön, nicht nur wegen der Motive, sondern weil eine Reiseproduktion immer etwas Besonderes ist. Wenn das ganze Team vor Ort ist und niemand abends nach Hause geht oder sich um den Alltag kümmern muss, dann schweißt das noch mehr zusammen.
Ist es automatisch leichter, von Figuren und einer Welt zu erzählen, die bereits etabliert ist? Oder ist es eher eine Herausforderung, sich nicht zu wiederholen?
Martina: Ich würde nicht unbedingt unterschreiben, dass es einfacher ist, eine Geschichte fortzusetzen. Natürlich ist es ein Geschenk, mit den gleichen Menschen noch einmal zusammenzuarbeiten, zu denen man schon eine Beziehung aufgebaut hat. Teilweise sogar in Sets, die man bereits kennt. Aber grundsätzlich unterscheidet sich diese zweite Staffel von der ersten durch einen großen thematischen Aspekt. Während wir es in Staffel 1 intensiv mit dem Thema Achtsamkeit zu tun hatten, kommt nun dieses Mal das innere Kind dazu. Und Dreharbeiten mit Kindern sind noch einmal etwas ganz anderes.
Monika: Auf visueller Ebene ist es ein Geschenk, wenn man nach der ersten auch die zweite Staffel drehen kann, einfach weil man die Welten schon kennt und bereits beim Lesen des Drehbuchs die vertrauten Sets vor Augen hat. Wenn man mit einer Vielzahl der Motive vertraut ist, ist man in der Kreativität und der Visualisierung viel freier, um sich auch mal etwas Neues zu überlegen. Insgesamt fand ich Staffel 2 aus bildlicher Sicht aber auch nochmal um einiges spannender. Wir sind ja Fans von außergewöhnlichen Perspektiven und davon, nicht alles so klassisch zu erzählen und typisch deutsch aussehen zu lassen. Da konnten wir uns bei den neuen Folgen noch mehr austoben. Zumal wir das Glück hatten, mit Björn Diemels neuer Wohnung ein ganzes Set komplett mitgestalten zu können.
Was zeichnet für Euch die Drehbücher von „Achtsam Morden“ aus?
Martina: Die enge Zusammenarbeit, die wir mit unserem Drehbuchautor Doron Wisotzky und auch unserem Produzenten Jan Ehlert haben, ist jedes Mal eine große Freude, weil beide in ihrer Arbeit unsere Meinung sehr wertschätzen. Das Spannende bei „Achtsam Morden“ ist natürlich der Umgang mit der Roman-Reihe, auf der die Serie basiert. Die Herausforderung ist dabei, die Fans von Karsten Dusse zu begeistern, aber eben auch aus den einzelnen Romanvorlagen den Rahmen für eine Staffel zu entwickeln und sich dabei ein bisschen die Rosinen aus der Geschichte herauszupicken. Kleiner Sidefact, Nicole Egmann z.B, unsere Polizistin, gespielt von der tollen Britta Hammelstein, ist im Roman ein Mann. Wir fanden es aber spannender, eine Frau aus dieser Figur zu machen. Jeder der Romane ist ganz anders. Die Konstante ist dabei Björn, den ich als Hauptfigur für seinen Sarkasmus liebe und dafür, dass er wirklich ausspricht, was er denkt, selbst wenn das politisch nicht immer korrekt ist. Und natürlich ist da auch noch Breitner, der sich durch alle Staffeln zieht, ob es nun um Achtsamkeit oder um andere Themen geht.
Monika: Was sich auch durchzieht, ist der Fakt, dass Martina und ich sehr große Freunde von Tieren aller Art sind. Auch in Staffel 2 haben wir wieder dafür gesorgt, dass einige vorkommen. Als zum Beispiel im Drehbuch in einer Folge eine Katze auftauchte, war es unsere Idee, dass die besagte Katze auch in anderen Folgen kleine Gastauftritte haben könnte. Ach, und eine Kakerlake hatten wir dieses Mal auch!
Lasst uns noch ein wenig bei Björn Diemel bleiben. Der sieht sich dieses Mal mit seinem inneren Kind konfrontiert. Aber wie hat er sich darüber hinaus als Figur weiterentwickelt?
Martina: Während wir in der ersten Staffel eigentlich seinen Weg zum Serienmörder gesehen haben, ist er nun im Grunde so etwas wie ein Mafiaboss. Man kann sagen, er hat die Seite gewechselt, auch wenn er nach außen den harmlosen Strafverteidiger mimt. Diese Entwicklung zu zeigen, macht viel Spaß, weil er eben versucht, im Alltag damit zurechtzukommen, dass er diese beiden Seiten in sich hat. Eigentlich möchte er nicht mehr töten, was allerdings nur bedingt klappt. Das ist also – ausgerechnet in der Kita, über der er dieses Mal auch wohnt – ein echter Clash zwischen zwei sehr unterschiedlichen Welten, in denen er sich bewegt.
Was zeichnet Tom Schilling in dieser Rolle aus?
Martina: Genau wie wir, ist Tom immer akribisch vorbereitet und macht sich unglaublich viele Gedanken. Zu wissen, wie wichtig ihm jedes kleinste Detail ist, ist ein Geschenk, wenn es darum geht, ihn als diese Figur inszenieren zu dürfen. Ich schätze seinen Input sehr.
Monika: Wir beide sind große Freundinnen von Proben – und Tom liebt es ebenfalls zu proben. Wir hatten u.a. die Möglichkeit, eine Woche vor Drehbeginn bereits im Hauptmotiv - der Wohnung von Björn Diemel zu proben. Inklusive Team, nur Cast, Martina und ich. Ich liebe Onlocation Proben, man ist viel freier und kann sich in einem kleineren Umfeld nochmal ganz anders austoben und Sachen ausprobieren, ohne dass gleich ein großes Team hinter einem und der Stress eines Drehtages im Raum steht. Tom hat sogar eine Nacht in Björn Diemels Wohnung übernachtet.
Neben Björns Ehefrau Katharina tritt dieses Mal noch eine weitere Frau in sein Leben, gespielt von Friederike Kempter. War diese Besetzung eine bewusste Referenz an „Oh Boy“, in dem sie schon einmal mit Tom Schilling zu sehen war?
Martina: Dass man die beiden zusammen aus „Oh Boy“ kennt, ist natürlich witzig, war aber nicht der Grund, warum ich Friederike besetzt habe. Ich bin schon lange begeistert von ihr und wollte längst mal mit ihr arbeiten. Bei dieser Rolle nun wusste ich einfach, dass sie perfekt passt. Sie ist dann trotzdem ganz normal bei uns durchs Casting gegangen, schließlich war es wichtig, dass auch unser Produzent und Netflix begeistert sind. Und ich wurde dabei in meiner Meinung nur bestärkt. Friederike und Tom funktionieren zusammen einfach unglaublich gut! Aber es gibt neben Friederike auch einige andere neue Gesichter, auf die man sich freuen darf!
Worauf kam es bei der Besetzung des inneren Kindes von Björn an?
Martina: Für das Kinder-Casting haben wir uns mit Patrick Dreikauss zusammengetan, der auf solche Rollen spezialisiert ist. Das innere Kind ist ja auch gleichzeitig Björn Diemel in jungen Jahren, deswegen war es wichtig, dass es eine gewisse Ähnlichkeit zu Tom gibt. Nicht zuletzt, was diese strahlend blauen Augen angeht. Und spielen musste der Kleine natürlich auch noch können. Dass wir irgendwann Franz gefunden haben, war ein großes Glück. Und dann ging es im Vorfeld natürlich vor allem darum, eine Verbindung zu ihm aufzubauen und das Vertrauen zu schaffen, das ihm ermöglichte, sich zu öffnen.
Monika: Dafür waren wir zum Beispiel erst einmal zusammen Lasertag spielen, Franz, Tom und wir beide.
Was „Achtsam Morden“ obendrein so besonders macht, ist der sehr spezielle, genreübergreifende Tonfall. Der ist nicht nur im Drehbuch angelegt, sondern auch entscheidender Teil Eurer Arbeit, richtig?
Martina: Ja, deswegen ist die Vorbereitung für uns auch immer das A und O. Wir tauchen tief ins Drehbuch, gucken nach Szenen, die uns an bestimmte Genres erinnern, und suchen nach Möglichkeiten, etwas Spezielles zu kreieren. Monika und ich arbeiten dafür viel mit Moods, um alle Möglichkeiten in Hinblick auf die Lichtgestaltung und Kadrage auszuloten und zu gucken, wo man noch eine besondere Einstellung machen kann. Wir haben ja schon als Elfjährige angefangen, zusammen Horrorfilme zu drehen und uns später bis hin zum norddeutschen Western an den unterschiedlichsten Genres ausprobiert. Abwechslung ist also auf jeden Fall etwas, womit wir uns gut auskennen und was uns große Freude bereitet.
Monika: Trotzdem muss das natürlich auch immer subtil sein. Der Wille, etwas Eigenwilliges zu machen, darf nicht über allem stehen, sondern muss eingegliedert sein in die Geschichte. Auch was visuelle Einfälle angeht. Wir lieben es, kleine Momente und Besonderheiten zu kreieren, die man vielleicht beim ersten Gucken noch gar nicht wahrnimmt, die aber ganz entscheidend zum schwarzen Humor und dem Augenzwinkern beitragen, dank denen die Serie so viel Spaß macht.